Die zusammengefasste Geschichte der D.D.G. „Hansa" (1881 -
1980).
Die Deutsche Dampfschifffahrts-Gesellschaft „Hansa" wurde am 3.
Dezember 1881 von namhaften Bremer Kaufleuten geründet, weil es
zu dieser Zeit ein unhaltbarer Zustand war, daß große
Warenmengen des Im- und Exports auf fremden Schiffen befördert
wurden.
Schon im Februar 1882 konnte der in England erworbene Dampfer
STOLZENFELS - für die damalige Zeit ein recht große Frachter -
seine erste Reise von Newcastle nach Singapore antreten. Im März
folgte bereits die DRACHENFELS mit einer Ladung Kohle nach
Singapore. Die Namensgebung der „Hansa"-Schiffe orientierte sich
an Burgen, Schlössern und Bremer Wehrtürmen und wurde neben der
Schornsteinmarke zu einem Markenzeichen der Reederei. Man nannte
sie allgemein die Fels-Schiffe und in Rotterdam bekam ein
Hafenbecken den Namen Felshaven. Außer -FELS gab es noch die
Endungen -BURG, -ECK und -TURM. Die Namensendungen konnten
größtenteils den Fahrtgebieten zugeordnet werden.
Die ersten Liniendienste wurden 1883 ins Mittelmeer und später
in die Ostsee eingerichtet. Die großen Dampfer wurden vorerst in
der Trampfahrt eingesetzt, bis die „Hansa" Ende 1888 mit der
Gründung der Asiatischen Linie einen regelmäßigen Liniendienst
nach Colombo und Kalkutta einrichtete. Es folgte Anfang 1890
eine Dampferlinie nach dem La Plata (Argentinien) und später gab
es auch eine Linie vom Golf von Mexiko nach Europa.
Gemeinsam mit britischen und skandinavischen Reedereien wurden
Liniendienste von Nordamerika, Skandinavien über Südafrika und
weiter nach Niederländisch-Indien und Australien betrieben.
Anfang 1914 war die D.D.G. „Hansa" mit 66 Dampfern und einem
Motorschiff - mit einer Gesamttonnage von 437 489 BRT - die
größte reine Frachtschiffreederei der Welt. Unter allen
deutschen Reedereien war sie nach dem N.D.L. und der Hapag stets
die Nummer Drei.
Der Erste Weltkrieg machte den Aufbau zunichte. Viele Schiffe
wurden versenkt, beschlagnahmt oder lagen in neutralen Häfen
auf. Am Ende des Ersten Weltkrieges blieb der D.D.G. „Hansa" nur
der kleine Dampfer SONECK, der im August 1919 den Liniendienst
zur Iberischen Halbinsel wieder aufnehmen konnte.
Mit dem ersten Neubau FRAUENFELS konnte die D.D.G. "Hansa" im
Jahre 1920 den Liniendienst nach Indien wieder aufnehmen. Im
Jahre 1922 wurde der Liniendienst zum Persisch-Arabischen Golf
begonnen, der in den folgenden Jahrzehnten immer mehr an
Bedeutung gewann und neben Indien zu einem Schwerpunkt der
Reederei wurde.
Nach dem ersten Motorschiffversuch im Jahre 1912 mit der kleinen
ROLANDSECK, war Mitte der zwanziger Jahre der Schiffsdieselmotor
serienreif und die D.D.G. „Hansa" bekam mit der SCHWARZENFELS
und fünf weiteren Schiffe ihre ersten großen Frachtmotorschiffe.
1929 stellte die D.D.G.„Hansa" den Schwergutfrachtdampfer
LICHTENFELS in Dienst, der mit einem Schwergutbaum von 120 t
ausgerüstet war. Mit der LICHTENFELS und ihren drei
Schwesterschiffen begann die D.D.G.„Hansa" ihre
Schwergutaktivitäten, die die Reederei ab 1950 stark ausbaute
und ihr ein besonderes Image als Schwergutspezialisten
einbrachte.
Die Weltwirtschaftskrise zwang die D.D.G. „Hansa"einen großen
Teil ihrer Schiffe Ende 1931 aus der Fahrt zu nehmen. So wurden
im Werfthafen der A.G. „Weser" elf und weitere acht Schiffe im
Bremer Überseehafen und in Hamburg aufgelegt. Nach der
Weltwirtschaftskrise modernisierte die D.D.G. „Hansa" ihre
Flotte durch die Bestellung von neun großen, schnellen
Motorschiffen bei zwei Bremer Werften. Als erstes Schiff wurde
1936 die EHRENFELS von der A.G. „Weser" geliefert.
Die D.D.G. „Hansa“ betrieb im Jahre 1938/39 von Bremen aus
folgende Dienste:
- Alle zehn Tage nach Bombay-Karachi,
- alle vier Wochen zur Kathiawar-Küste, Mormugoa,
- alle zwei Monate zur Malabarküste,
- alle zwei Wochen nach Colombo, Madras und Kalkutta,
- alle drei Wochen nach Tuticorin-Rangun,
- jeden Monat nach Kakinada-Vizhakapatnam,
- alle sechs Wochen nach Chittagong,
- alle zwei Wochen zum Persisch-Arabischen Golf und
- alle zehn Tage nach Spanien und Portugal.
Weiterhin fuhr sie im Crosstrade jeden Monat von den USA nach
dem Persisch-Arabischen Golf und alle zwei Monate von den USA
nach Südafrika/Ostafrika.
Von den 44 „Hansa"-Schiffen befanden sich bei Ausbruch des
Zweiten Weltkrieges nur 18 in Deutschland. Im Gegensatz zum
Ersten Weltkrieg waren die Handelsschiffe in diesem Krieg
stärker von Kriegshandlungen betroffen, was in der großen Anzahl
der versenkten „Hansa"-Schiffe und damit auch in 144 gefallenen
„Hansa"-Seeleuten zum Ausdruck kommt.
Am 6. Oktober 1944 wurde das - zwischen der Martinistraße und
der Schlachte gelegene - historisch wertvolle Kontorgebäude der
D.D.G. „Hansa" durch einen Luftangriff fast total zerstört. Der
Gesamtverlust bis November 1945 betrug 56 Seeschiffe mit 320 650
BRT, außerdem drei Barkassen und 13 Schuten.
Als 1946 die letzten großen Frachter der D.D.G. „Hansa" an die
Siegermächte abgeliefert waren, hatte die Reederei keine
Seeschiffe mehr und musste sich neue Aufgaben suchen, um als
Schiffahrtsunternehmen zu überleben. Sie besaß nur noch
Barkassen und Schuten, doch diese boten Kapital genug für
vorübergehende Aktivitäten; so in der Passagierschiffahrt auf
der Weser, einem Seebäderdienst nach Wangerooge und Helgoland,
der Wrackbergung in den bremischen Häfen sowie in der
Schleppschiffahrt an der Nordseeküste.
Das eigentliche Reedereigeschäft konnte 1950 mit drei
angekauften Frachtern wieder aufgenommen werden und die „Hansa"-Flagge
kehrte in die angestammten Fahrtgebiete zurück. Das alte
Kontorgebäude an der Schlachte konnte 1950 nach dem Wiederaufbau
wieder bezogen werden.
Mit der ersten Neubau-Serie nach dem Krieg setzte die D.D.G.
„Hansa" 1951/52 gleich ihren Weg als Schwergutspezialisten fort.
Die drei Schiffe der BÄRENFELS-Klasse bekamen einen 165 t-
Schwergutbaum (später verstärkt auf 205 t), der zu dieser Zeit
kaum seinesgleichen hatte. Zusammen mit der Stülcken-Werft in
Hamburg entwickelte die D.D.G. „Hansa" 1954 für die acht Schiffe
der LICHTENFELS-Klasse das so genannte
Stülcken-Schwergutgeschirr mit der markanten V-Stellung der
Masten, das für Jahrzehnte wegweisend im Schiffbau wurde.
Zugleich bekamen die Schiffe eine ungewöhnliche Decksaufteilung,
weil der Brückenaufbau ganz vorne auf der Back und die anderen
Aufbauten achtern waren, was in Schiffahrtskreisen
beträchtliches Aufsehen erregte und den Schiffen den Spitznamen
Picasso-Schiffe einbrachte.
Die traditionelle Farbgebung der Schiffe mit schwarzem Rumpf und
gelbbraunen Masten änderte die „Hansa" 1961/62; von nun an waren
„Hansa"-Schiffe außenbords grau.
In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre gab es bei der D.D.G.
„Hansa" eine ganze Reihe von Neuerungen und Entwicklungen, die
es in dieser Dichte vorher und später nicht wieder gab: Ab 1965
begann die „Hansa" sich in der Versorgungsschiffahrt von
Bohrinseln in der Nordsee und im Persischen Golf zu engagieren,
nachdem sie bereits vorher einige Versorger für deutsche
Ölfirmen bereederte. Die Offshore-Versorgung wuchs rasch zu
einem eigenen Geschäftsbereich, der weltweit operierte und
zusammen mit der VTG, Hamburg, unter dem Namen Offshore Supply
Association (OSA) betrieben wurde. Die Schwergutschiffahrt bekam
1967 mit dem Umbau der UHENFELS (550-t-Hebefähigkeit) und der
Indienststellung der kleinen Spezialschwergutschiffe MARIAECK
und BRUNNECK (RoRo-Schwergutumschlag bis 800 t) im Jahre 1968
neue Akzente. Der Ladungsumschlag mit schwimmenden Containern
wurde experimentell durchgeführt, außerdem wurde der
Liniendienst Amerika/Ostküste - Mittelmeer auf Containerschiffe
umgestellt. Diversifikation war das große Schlagwort dieser
Zeit; durch Beteiligungen drang die D.D.G. „Hansa" in neue
Bereiche der Schiffahrt vor. So beteiligte sie sich an einer
Schiffahrtslinie von Südafrika nach Fernost, einem
Verbrennungsschiff für chemische Abfälle, einem Gastanker und
einem Massengutfrachter.
Im Persischen Golf und Roten Meer kam es in den siebziger Jahren
zu einer Verstopfung der Häfen, weil die Häfen nicht in dem Maße
ausgebaut werden konnten wie der Import der arabischen Länder
zunahm. Schiffe mussten teilweise monatelang auf einen
Liegeplatz im Hafen warten. Die Lösung für diesen Missstand
schien der Einsatz von Roll-on-roll-off-Schiffen zu sein, die in
den Häfen eine bevorzugte Abfertigung erfuhren. Im Jahre 1977
setzte die D.D.G. „Hansa" insgesamt vier eigene große
Container-RoRo-Schiffe auf den Linien von Europa und von Amerika
(Ostküste) zum Persichen Golf und Roten Meer in Fahrt, die
zusammen mit eigenen Terminals ein Transportsystem bildeten.
Nachdem im April 1980 bereits das Grundkapital von 60 auf 10
Mio. DM herabgesetzt und anschließend um frische 30 Mio. DM
aufgestockt wurde, um einen finanziellen Engpass zu überwinden,
musste am 18. August 1980 der Vergleich angemeldet werden. Der
Schiffahrtsbetrieb wurde zum 31. Dezember 1980 eingestellt. Die
Liniendienste und die Containerschiffe gingen an die Hapag-Lloyd
A.G., die Versorger wurden vom OSA-Partner VTG übernommen. Ein
griechischer Reeder kaufte eine ganze Reihe der Schwergutschiffe
und betrieb sie unter dem Namen Hansa Heavy Lift. Die Schiffe
behielten größtenteils ihre Namen, jedoch wurden die Endsilben
auf ...BELS geändert. Der Name und die Schornsteinmarke der
D.D.G. „Hansa" wurden 1984 an die Firma Project Carriers
verkauft, die in der Schwergutschiffahrt aktiv war und ihren
Hauptsitz zeitweise in Bremen hatte.
Das Ende der traditionsreichen D.D.G. „Hansa" im Jahre 1980 kann
nicht einer Ursache zugeschrieben werden, sondern muß als Summe
von vielen Unwägbarkeiten gesehen werden: So hatte die D.D.G.
„Hansa" ein ausgesprochen schwieriges Fahrtgebiet, in dem zum
Schluss durch die Machtergreifung des Ayatollah Khomeini im Iran
viel Ladung wegfiel, durch hohe Investitionen in den Jahren
1976/77 hatte sich die Reederei auf dünnes finanzielles Eis
begeben, die Schwäche des US-Dollars kam hinzu, außerdem
erschwerten die starren Strukturen einer Traditionsreederei die
Reaktion auf neue Situationen.
Holger Patzer, Dez. 2005 |
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